Gegenkonzepte statt Klagen
Was der erneute Protest der Stadt Kassel gegen die Vergrößerung des Ratio-Marktes in Hertingshausen von knapp 20.000 auf fast 28.000 Quadratmeter Verkaufsfläche gebracht hat, kann der Besucher aktuell in Baunatal bewundern.
Der Münsteraner Konzern hat mit der Erweiterung zu dem größten Einkaufszentrum der Region Kassels begonnen. Dass, laut Oberbürgermeister Bertram Hilgen, diese neue Galerie der Zentrumsfunktion der Kasseler Innenstadt schadet, hat wohl niemanden interessiert.
Zur Geschichte: Bereits im Herbst 2005 wurden konkrete Pläne des Münsteraner Konzerns veröffentlich, den RATIO – Markt in Baunatal um weitere 10.000 Quadratmeter zu vergrößern. Damit wäre der Markt um ca. 5.000 Quadratmeter größer als das DEZ-Einkaufszentrum in Kassel.Diese Planungen erzeugten enormen Widerstand in der politischen Landschaft Kassels. Der damalige CDU-Fraktionschef forderte den Oberbürgermeister und die Stadtverordneten auf, sich gegen diesen Ausbau zu engagieren. Erstaunlich war die Einigkeit gegen diese Erweiterung aller Parteien; selbst die FDP rückte von ihren doch sonst so liberalen Wirtschaftskurs ab.
Was bei genauer Beobachtung dieses Streits um die Erweiterung des Einkaufsmarktes erstaunt ist, dass der Bebauungsplan zum Zeitpunkt der Bauvoranfrage sogar eine Erweiterung der Fläche bis zu 61.000 Quadratmeter vorgesehen hätte. Laut des Baunataler Bürgermeisters war den zuständigen Stellen dieser Sachverhalt bekannt, dennoch fehlte unter anderem die massive Forderung der Stadt Kassel den Bebauungsplan auf die veränderten Verhältnisse anzupassen. Nach Intensiven Verhandlungen aller Beteiligten (Stadt Baunatal, Landkreis Kassel, Baugenehmigungsbehörde, Stadt Kassel Regionalplanung), einigte man sich schließlich auf 8.000 Quadratmeter neue Fläche und der RATIO-Konzern stellte 2007 den Bauantrag.
Dem Kasseler DEZ-Einkaufszentrum und auch dem geplantem Einkaufscenter auf dem Bettenhäuser Salzmannkomplex, hat man mit der Begründung verhindert, das die neue Regionalplanung eine Stärkung der Innenstädte vorsieht anstatt des Ausbaus auf der grünen Wiese. Hier wiehert wieder einmal der Amtsschimmel.
Damit stellt sich am Ende die Frage, wie bedroht fühlt sich die Vertretung der Stadt Kassel von einem Beton gewordenen Einkaufszentrum viele Kilometer vor den Toren der Stadt? Ist die Kasseler Innenstadt so unattraktiv, dass lieber Angebote angefahren werden, die nur mit dem Auto erreichbar sind? Was macht den Besuch der Innenstadt für Kunden des Einzelhandels aus?
Sorgen sich die Verantwortlichen ausreichend um die Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit in der Stadt? Wo bleibt die Bürgerumfrage zum Thema „Wie ansprechend finden Sie die Kasseler Innenstadt“? Schaut man sich gegenwärtig zum Beispiel beim Abendeinkauf an einem normalen Samstag einmal genauer um, kann einem auf Grund des Publikums schon einmal mulmig werden. Wenige ruinieren den Einkaufsspaß von Vielen!
Die Liste an offenen Fragen ist so lang, wie die Liste an unkoordinierten Maßnahmen der Verantwortlichen. Es gilt nun mit vereinten Kräften um die Innenstadt zu kämpfen, denn momentan ist eine Abwärtsspirale im Gange, die nichts mit Konkurrenten wie Ratio oder DEZ zu tun hat.
Ganz dringend braucht es ein koordiniertes Konzept für die Innenstadt, an dem sich die Stadt, die Einzelhändler, die Immobilienbesitzer, aber auch die Bürger beteiligen müssen.
„Kassel gewinnt“ hieß es vor einigen Jahren in einer großen Kampagne. Davon scheint nicht mehr viel übrig geblieben zu sein.
